essential

Der französische Ökonom und Soziologe Pierre-Joseph Proudhon, einer der ersten Vertreter des Anarchismus, stellte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Hypothese auf, dass durch den Wertverfall von Waren und Gütern, der von Geld aber nicht reflektiert wird, das Geld ein Privileg erhalte, wodurch es einen zusätzlichen Preis erzwingen könnte, durch welchen der Geldbesitzer den Warenbesitzer schließlich ausbeutet. Seine Lösung für dieses Dilemma bestand darin, Waren dem verfallsfreien Geld durch Warenbanken gleichzusetzen. In diesen Warenbanken könnte ein Fahrradeigentümer beispielsweise ein Fahrrad anlegen und nach 20 Jahren ein nagelneues Fahrrad zurückerhalten, das gleichwertig wäre, und so durch verbesserten Tauschhandel dem Effekt des Warenzerfalls vorbeugen.

Silvio Gesell griff die Idee des Unterschiedes zwischen Waren und Geld später auf, und daraus entstand die eigentliche Urzinstheorie. Anders als Proudhon lautete sein Vorschlag jedoch, die Diskrepanz zwischen Warenzerfall und Währungsstabilität nicht bei den Waren zu lösen, sondern stattdessen dem Geld selbst eine begrenzte Lebensdauer zu geben, indem also bei der Hortung von Geld Kosten, eine Demurrage auftreten würde, ähnlich der Durchhaltekosten bei der Hortung von Waren. So hat gehortetes Geld beispielsweise dadurch einen ökonomischen Vorteil, dass es Fluktuationen am Markt abwarten kann und entsprechend billig einkaufen oder selbst Marktfluktuationen erzeugen und künstlich Preise in die Höhe treiben kann, was Gesell als Spekulation bezeichnet.

John Maynard Keynes verfeinerte schließlich die Zinstheorie von Gesell und schlüsselte Gesells Urzins weiter auf in Liquiditätsprämie und Risikobeitrag. Insofern verneinte er zwar indirekt das Argument von Proudhon, dass der Unterschied der Durchhaltekosten von Geld und Waren selbst das Problem darstelle. Er argumentiert aber ähnlich wie Gesell, dass aufgrund der Liquiditätspräferenz Geld dadurch, dass es Liquidität in seiner reinsten Form darstelle, einen zusätzlichen, subjektiv-emotionalen ebenso wie ökonomisch quantifizierbaren Wert erhalte.

Als Alternative für das Bretton-Woods-System, welches die Wechselkurse westlicher Währungen vom Ende des 2. Weltkriegs bis zum Crash des Systems 1973 festlegte, schlug Keynes 1944 den Bancor vor, welcher als internationale zwischenstaatliche Verrechnungswährung mit einer Umlaufsicherung behaftet hätte sein sollen. Das Ziel des Bancors wäre gewesen, zum einen der Vormachtstellung des US-Dollars im Bretton-Woods-System vorzubeugen, und zum anderen durch die stetige Verkleinerung von Handelsüberschüssen bzw. Handelsdefiziten die Weltwirtschaft durch bessere Anreize zu stabilisieren.
Quelle: wikipedia

Gesell: Geld- und Bodenreform
In seiner ersten, 1891 in Argentinien erschienenen Broschüre über die Geldreform bezeichnete Gesell die Entstehung des herkömmlichen Geldes als den eigentlichen Sündenfall, durch den „die Menschen … die große herrliche Schöpfung Gottes“ von einem „Paradies“ zu einer „Hölle“ gemacht hätten. Indem sie „seit Jahrtausenden um einen solchen Götzen tanzen“, wirke das herkömmliche Geld als „Erbsünde“ durch die Geschichte bis in die Gegenwart fort. Dieses herkömmliche Geldwesen und das Privateigentum am Boden, dessen Fragwürdigkeit Gesell durch die Lektüre des Buches „Fortschritt und Armut“ von Henry George bewusst wurde, erschienen ihm noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts während seiner Zeit in der Schweiz als „heidnische Gebräuche“. Dagegen nannte er die Geld- und Bodenreform einen „christlichen Altar des allgemeinen Land- und Bürgerfriedens …, wo Ihr Euer christliches Glaubensbekenntnis rückhaltlos ablegen und Euch des letzten Restes der ungleichen Güterverteilung entledigen könnt. … Ja, wenn es dem geistlichen Herrn freistünde, das Evangelium der Armen und Unterdrückten frei von der Lunge weg zu predigen.“*
*Silvio Gesell, Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat (1891), in: GW Band 1, S. 32 und 66 sowie Band 1, S. 247, 252 und 325.

Für folgenschwer hielt Gesell dagegen die Verfälschung der ‚natürlichen Auslese’ durch wirtschaftliche Privilegien von Vermögenden, die sich durch ihre Verfügungsmacht über konzentriertes Geld- und Realkapital einschließlich des Bodens Wettbewerbsvorteile im wirtschaftlichen Kampf ums Dasein verschaffen können: „Dieser kapitalistische Kampf ums Dasein hat den Charakter einer natürlichen Auslese vollkommen abgestreift. Er wirkt genau so blind wie unsere Kriege. Ohne Wahl reißt er ganze Teile des Volkes, Gutes und Schlechtes, alles bunt durcheinander, in die kapitalistische Mördergrube. Dem durch Religion und Gesetz an Händen und Füßen gefesselten Arbeiter setzt sich der Kapitalist einfach auf die Brust, bis er erstickt. Dann schlägt der Kapitalist stolz mit den Flügeln und kräht seinen ‚Sieg im Kampf ums Dasein’ in die Welt hinaus.“*
*Silvio Gesell (1913b), S. 221.

Und was sehen wir heutzutage über die kultur-politische Bühne kriechen?

Was lief nur schief, in unseren Köpfen?

 

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