Bildung für Alle – Aufruf zu zivilem Ungehorsam

Man sollte heute mehr denn je im Kopf behalten, dass am Beginn des Kommunismus das stand, was Kant in einer berühmten Passage seines Aufsatzes „Was ist Aufklärung?“ als „öffentlichen Gebrauch der Vernunft“ bezeichnet hat – die egalitäre Universalität des Denkens. Unser Bemühen sollte daher jene Aspekte der gegenwärtigen „Restrukturierung“ im Auge haben, die den transnationalen offenen Raum bedrohen. Ein Beispiel dafür wäre der sogenannte Bologna-Prozess der EU, der darauf zielt, „die Architektur des europäischen Hochschulsystems zu harmonisieren“ und in Wahrheit ein konzertierter Angriff auf den öffentlichen Gebrauch der Vernunft ist.

Zugrunde liegt diesen Reformen das Bestreben, die Hochschulbildung der Aufgabe unterzuordnen, konkrete gesellschaftliche Probleme durch Herstellung von Expertenmeinungen zu lösen. Dabei verschwindet die wahre Aufgabe des Denkens: nicht nur Lösungen für Probleme anzubieten, die von der „Gesellschaft“ – in Wirklichkeit von Staat und Kapital – geschaffen worden sind, sondern über die eigentliche Form dieser Probleme nachzudenken; ein Problem auch genauso zu erkennen, wie wir ein Problem wahrnehmen.

Die Reduzierung der Hochschulbildung auf die Aufgabe, gesellschaftlich nützliches Expertenwissen zu produzieren, ist die paradigmatische Form von Kants „privatem Gebrauch der Vernunft“ – das heißt ein Vernunftgebrauch, der durch kontingente, dogmatische Vorannahmen beschränkt ist – innerhalb des heutigen globalen Kapitalismus. In Kant’schen Begriffen bedeutet dieser Vernunftgebrauch, dass wir als „unmündige“ Individuen handeln, nicht als freie menschliche Wesen, die sich in der Dimension der Universalität von Vernunft bewegen.

Im letzten Stadium des Post-68er-Kapitalismus ist die Ökonomie selbst – als die Logik von Markt und Wettbewerb – immer mehr zur vorherrschenden Ideologie geworden. Im Bildungswesen erleben wir die allmähliche Demontage eines klassisch-bourgeoisen ideologischen Staatsapparats: Das Schulsystem verliert immer mehr den Status eines über dem Markt stehenden und direkt vom Staat organisierten verbindlichen Netzwerks, eines Trägers aufgeklärter Werte – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Um der heiligen Formel „weniger Kosten, mehr Effizienz“ willen wird es mehr und mehr von verschiedenen Formen öffentlich-privater Partnerschaft infiltriert.

 

-> Ich finde diese kürzlich veröffentlichten Text-Schnipsel von Slavoj Zizek sehr aussagekräftig und vor allem sehr richtig, der ganze Artikel ist hier nachzulesen.

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Kommentare
  1. Bei dem Gedanken, dass der Mensch im Dienst auch nach Kant einfach die Meinung des „Dienstherrn“ loyal zu vertreten habe und von seiner Vernunft nur privat selbständig Gebrauch machen dürfe war mit immer schon unwohl. Das ist ja egentlich eine Art von Schizophrenie: „Wes rtot ich ess, des Lied ich sing!“. Es freut mich, dass andere Leute das auch so sehen. Fragt sich, wie weit nach Kant die Treuepflicht des Arbeitnehmers gehen soll. Das muß ich nochmal nachlesen…

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